Es fing alles mit der U3 beim Kinderarzt an

Es ist ein normaler Tag in der Kinder- und Jugendarztpraxis. Ich hole eine Mama aus unserem Babywartezimmer ab und nehme sie mit ins Untersuchungszimmer. Heute steht bei ihrem Kind die U3 an. Ich liebe die Vorsorgeuntersuchungen von der U2 bis zur U6. Gerade die ersten U-Untersuchungen sind für die Eltern besonders aufregend. Und diese U3 war dieses Mal auch für mich was ganz besonders. Am Anfang war sie etwas unangenehm und hat bei mir ein blödes Gefühl ausgelöst.

Ich bin mit der Mama ins Zimmer 1 gegangen. Das ist heute mein Behandlungszimmer. Zu der Untersuchung gehört, dass man das Baby wiegt. Also lasse ich die Mama ihr Baby komplett ausziehen. Wir in der Praxis haben unsere Standartfragen, die wir immer stellen. Während sie ihr Kind auszieht, stelle ich schon mal die Fragen. Da stelle ich meine allerletzte Frage: „Wird Ihr Baby gestillt?“.  Bei dieser Frage habe ich mir noch nie was dabei gedacht. Bis heute.

Diese Frage hat bei mir alles verändert.

Sie schaut mich an und sagt: „Ich habe so Schmerzen und muss deswegen die Flasche geben. Können Sie mir helfen, meine Brustwarzen wieder zu heilen.“ Ich schau sie an und muss sie leider enttäuschen. Unsere Kinderkrankenschwester und Still- und Laktationsberaterin IBCLC ist gerade in Mutterschutz, und stand somit auch nicht zur Verfügung. Ich habe mich selbst noch nie mit dem Stillen beschäftigt.

Sie fängt an zu weinen. „Ich will so gerne Stillen! Doch keiner kann oder mag mir helfen. Immer wenn ich an die nächste Stillmahlzeit denke, fange ich an zu weinen, weil es einfach höllisch weh tut. Meine Brustwarzen sind offen und blutig. Ich muss mein Baby zufüttern, weil meine Milch nicht reicht. Und statt Unterstützung von der Hebamme, bekomme ich nur die Aussage, dass mein Kind auch mit der Flasche groß wird. Ich möchte aber so gerne Stillen. Das einzige was ich möchte, ist das mich jemand ernst nimmt und mich unterstützt.“

Kleines, dummes Mädchen

Und auf einmal fühle ich mich so unwohl in diesem Zimmer, zusammen mit der Mama und ihrem Baby. Sie ist verzweifelt und steht in Tränen vor mir. Ich hatte 0 Plan vom Stillen. Wie ein kleines, dummes Mädchen, steh ich da. Es ist mir so mega peinlich. Auf unserem großen Praxisplakat steht unter meinem Foto: Erstkraft, Ernährungsberaterin und Präventionsassistentin. Und mein Wissen für die Säuglingsernährung kann man in die Tonne treten.

Da arbeite ich in einer Kinderarztpraxis und habe weder in der Ausbildung noch auf Fortbildung irgendwas davon gehört. Halt Stopp – in meiner Ausbildung zur Präventionsassistentin wurde mal übers Stillen gesprochen. Und das sind genau die Dinge, die ich heute in meinen Stillmärchen aufdecke.

Der letzte Strohhalm

„Gleich kommt der Doktor und vielleicht hat er eine Idee.“ Irgendwie habe ich Hoffnung, dass mein Chef noch eine rettende Idee hat. Und ich habe etwas aufgeatmet, da ich jetzt endlich aus dieser unangenehmen Situation komme. Der Kinderarzt ist der letzte Strohhalm, für die Mama und auch irgendwie für mich. Hoffe ich! Doch er hat auch keine Lösung die zufriedenstellend ist.

Ich nehme mein Handy und frage meine Kollegin, ob sie noch eine Idee hat, wie ich der Mama jetzt schnell helfen kann. Sie sagt: „Google mal AFS, dort kann sie sich hinwenden.“ Ich setze mich an den Rechner und gebe „Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen“ ein. Und Treffer! Ich drucke die Kontaktdaten aus und bringe sie fix in das Zimmer. „Ich hab da was für Sie. Hier finden Sie Stillberaterinnen, die Sie ehrenamtlich beraten und ich hoffe, dass Sie dort schnell Hilfe bekommen.“. Jetzt war ich erleichtert. Ich konnte ihr jetzt was Brauchbares in die Hand geben.

Anne, mach doch die Ausbildung zur Still- und Laktationsberaterin IBCLC

Genau diese U-Untersuchung hat mir die Augen geöffnet. Es kann doch nicht wahr sein, dass wir medizinischen Fachangestellten, gerade in einer Kinderarztpraxis, uns überhaupt nicht mit dem Stillen auskennen. Das ist doch verrückt und merkwürdig zu gleich. Das geht irgendwie nicht in meinen Kopf rein. Endlich Feierabend. Die Situation von heute hat mich immer noch nicht losgelassen. Also rufe ich noch einmal meine Kollegin an, um die Situation noch mal zu besprechen. Rita: „Anne, mach doch die Ausbildung zur Still- und Laktationsberaterin IBCLC.“ Ich bin echt ein fauler Mensch. Wenn es ums Thema lernen geht, ist mein erster Gedanke und mein zweiter: so viel muss ich bestimmt in der Ausbildung nicht lernen. Also informiere ich mich über die Ausbildung im Internet. Der Preis haut schon mal rein und schreckt mich erst einmal ab. Vielleicht gibt ja die Praxis was dazu? Also drucke ich alle Anmeldeformulare und Informationen rund um die Ausbildung aus. Und nehme diese am nächsten Tag mit in die Arbeit. Fragen kostet ja nichts. Und um das ganze hier mal abzukürzen. Ich habe ein Ja von meinen Chefs bekommen.

Die Stilltante

Ich muss nicht viel lernen bzgl. dem Stillen? Da habe ich wohl falsch gedacht. Ich sag nur eins: Biochemie der Muttermilch. Schon am ersten Unterrichtstag werden wir mit Fakten, Daten und vielen Fachinformationen zugeballert. Und ich denke nur WOW. Und seit dem stellen sich mir auch immer alle Haare auf, wenn Mamas: „Das Stillen ist das Schönste und Einfachste der Welt“ und die Ohren geschleudert bekommen. Es ist überhaupt nicht einfach! Dein Körper macht krasse Sachen damit die Milch produziert wird und aus der Brust kommt. Und das Stillen lernen, ist auch nicht super easy, wenn man keine Hilfe und Unterstützung bekommt. Ich bin einfach nur fasziniert und mega happy, dass ich die Ausbildung mache.

In der Praxis setzte ich auch immer Schritt für Schritt, alles Gelernte um. Das kommt auch nicht bei allen gut an. Weil ich mich für das Stillen einsetze und auch dahinterstehe. Meine Motivation war bei 100%. Ich bekomme auch Sätze wie: „Wenn man lange stillt, ist es voll Öko. Auch Flaschenkinder werden groß, Anne du und dein Stillen …“. Und bei langem Stillen reden wir nicht über 2 Jahre. Bei den Kolleginnen ist langes Stillen über 6 Monate. Okay, dann bin ich halt die Stilltante.

Ich hab es geschafft

Dezember 2019: Ich verlasse die Praxis mit schwerem Herzen. Ich gehe wieder in meine Heimat Zwickau zurück. Und ich habe als Stilltante viel in dieser Praxis erreicht. Alle Eltern bekommen vor der U3 einen Fragebogen zugeschickt, um eine Wochenbettdepression frühzeitig zu erkennen. In der Praxis gibt es eine tolle Stillecke. Dort findet man Wasser, ein tolles Stillposter (Stillpositionen und Handentleerung) und zwei super tolle Stillkissen. Mein Chef setzt sich auch mehr mit dem Stillen auseinander und hat mich bei jedem Vorhaben bzgl. des Stillens unterstützt. Meine Kolleginnen kennen sich besser mit dem Stillen aus. Und ich konnte auch eine weitere Kollegin mit dem Stillen so begeistern, dass sie sich intensiver in das Thema einlernte. Sie ist auch oft mit zu meinen Beratungen gekommen.

Mein Learning

Seit meinem Erlebnis mit dieser Mama, frage ich nie wieder, ob sie ihr Kind stillt. Ich möchte nie wieder eine Mama so vor den Kopf stoßen, weil sie nicht stillt. Ich frage jetzt immer: „Wie ernähren Sie Ihr Baby?“. Sie bekommt von mir das Angebot, dass sie mich zum Thema Flaschenfütterung, Stillen und Beikost jederzeit fragen kann. So steht es jeder Familie frei, ob sie meine Unterstützung haben möchte, ohne dass sie sich zu irgendwas genötigt fühlen. Am Anfang war ich so Feuer und Flamme für mein Thema, dass ich jede Mama zum Stillen bringen wollte. Und ich wollte sie auch irgendwie überzeugen. Doch ich musste schnell lernen, dass es gar nicht jede Mama wollte. Jede Familie hat ihren eigenen Weg. Ich kann für diesen Weg meine Hilfe und Unterstützung anbieten und am Ende entscheidet die Mama, ob sie das möchte oder nicht. Ich gebe auch nicht mehr ungefragt Informationen weiter.

Danke

Ein großes Danke an die Mama, die an diesem Tag in die Praxis gekommen ist. Und mir ihre Gefühle offenbart hat. Auch wenn ich mich in diesem Moment beschissen gefühlt habe, wurden mir die Augen geöffnet und ich habe so meine Leidenschaft als Stillberaterin gefunden.

Auch geht ein großes Danke an meine ehemaligen Chefs der Kinderarztpraxis. Sie haben mich bei meiner Ausbildung zur Still- und Laktationsberaterin IBCLC nicht nur finanziell, sondern mich auch bei meiner Arbeit unterstützt.

Mit meiner Arbeit möchte ich ganz vielen Familien helfen, damit sie ihren eigenen Weg zu einer harmonischen Stillbeziehung finden.

Und denk immer daran: Your boobs, your business!

Deine Anne 💖

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Deine Anne 💖

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